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Wirecard Skandal: Was Anlegende aus 2020 lernen können
Wirecard Skandal einfach erklärt: Was bis zum Insolvenzantrag 2020 geschah, welche Rolle Prüfer und Aufsicht spielten und was Anlegende daraus lernen.
Das Wichtigste in Kürze
01
Wirecard beschloss am 25. Juni 2020 den Insolvenzantrag, nachdem laut Wirecard (22. Juni 2020) Bankguthaben von 1,9 Mrd. Euro auf Treuhandkonten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht vorhanden waren.
02
Ein Testat fasst das Ergebnis einer Prüfung zusammen, und laut Wirecard (18. Juni 2020) fehlten dem Prüfer als Zwischenstand noch ausreichende Nachweise für diese Guthaben.
03
Eine einzelne Aktie kann den grössten Teil ihres Werts verlieren, auch im Leitindex: Der Börsenwert fiel laut SRF von rund 24 Mrd. Euro (2018) auf unter 2 Mrd. Euro (22. Juni 2020). Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
04
Das Strafverfahren am Landgericht München I läuft (Stand: 8. Oktober 2026), und bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Der Fall Wirecard, oft als Bilanzskandal bezeichnet, betrifft eine deutsche Aktiengesellschaft, die 2018 in den DAX aufstieg. Im Juni 2020 beantragte Wirecard ein Insolvenzverfahren, nachdem laut Wirecard 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten wohl nicht existierten. Das Strafverfahren läuft noch (Stand: 8. Oktober 2026). Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Das heisst: Niemand gilt als schuldig, bevor ein Gericht es rechtskräftig festgestellt hat. Rechtskräftig heisst: nicht mehr anfechtbar.
Der Artikel beschreibt den Ablauf und die Zusammenhänge, keine Schuldfrage. Es ist ein deutscher Fall nach deutschem Recht unter deutscher Aufsicht.
Kurz erklärt
Wirecard
Testat
BaFin
Ad-hoc-Mitteilung
Was war der Wirecard Skandal?
Der Name steht für einen Vorgang, der oft als Bilanzskandal bezeichnet wird. Am 18. Juni 2020 verschob Wirecard die Veröffentlichung seiner Jahresrechnung. Vier Tage später erklärte der Vorstand, die Guthaben von 1,9 Milliarden Euro seien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht vorhanden. Das waren Guthaben auf Treuhandkonten, also auf Konten bei Dritten. Am 25. Juni 2020 beschloss der Vorstand den Insolvenzantrag. Insolvenz heisst: Ein Unternehmen kann seine Schulden nicht mehr bezahlen.
Laut SRF (22. Juni 2020) hielten dem Vernehmen nach auch Schweizer Pensionskassen Wirecard-Aktien.
Wie stieg Wirecard in den DAX auf?
Wirecard kam am 24. September 2018 in den DAX. Laut SRF war das Unternehmen damals rund 24 Milliarden Euro an der Börse wert. Der Börsenwert ist der Preis aller Aktien zusammen. Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Ein Teil des Geschäfts hiess «Third Party Acquiring», also Geschäft über Drittpartner. Laut SRF stellte Wirecard in Asien lokalen Anbietern gegen Gebühren Software zur Verfügung. Laut Wirecard (22. Juni 2020) waren frühere Beschreibungen dieses Geschäfts nicht korrekt. Laut Wirecard (22. Juni 2020) werde geprüft, ob und wie weit dieses Geschäft tatsächlich zugunsten des Unternehmens betrieben wurde.
Was geschah von den ersten Berichten bis zur Insolvenz?
Ende Januar 2019 erschienen Presseartikel über angeblich manipulierte Buchführung bei einer Tochter in Singapur. Das schreibt die BaFin. Die Aktie fiel vom Eröffnungskurs von 167,00 Euro (30. Januar) auf einen Schlusskurs von 99,90 Euro (15. Februar 2019). Der Börsenwert sank laut BaFin um rund 40 Prozent. Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Im Juni 2020 folgten die Ereignisse innert Tagen. Die Daten stammen aus den Pflichtmitteilungen von Wirecard. Laut Wirecard (18. Juni) hatte der Prüfer als Zwischenstand noch keine ausreichenden Nachweise für Guthaben von 1,9 Milliarden Euro. Läge bis zum 19. Juni keine geprüfte Jahresrechnung vor, könnten laut Wirecard Kredite von rund 2 Milliarden Euro gekündigt werden. Laut SRF lag der Börsenwert am Abend des 22. Juni unter 2 Milliarden Euro. Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Daten
Im Juni 2020 wurde aus einer verschobenen Jahresrechnung binnen einer Woche ein Insolvenzantrag
Vier Datenpunkte aus Mitteilungen von Wirecard und von SRF in zeitlicher Reihenfolge. Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
18.6.2020
Laut Wirecard hat der Prüfer noch keine ausreichenden Nachweise für Guthaben von rund 1,9 Mrd. Euro.
19.6.2020
Laut Wirecard sollte bis dahin eine geprüfte Jahresrechnung vorliegen. Sonst könnten Kredite von rund 2 Mrd. Euro gekündigt werden.
22.6.2020
Der Vorstand hält es für überwiegend wahrscheinlich, dass 1,9 Mrd. Euro nicht existieren. Der Börsenwert lag laut SRF am Abend unter 2 Mrd. Euro.
25.6.2020
Der Vorstand beschliesst den Antrag beim Amtsgericht München.
Quellen: Wirecard AG (Ad-hoc-Mitteilungen vom 18., 22. und 25. Juni 2020), SRF (22. Juni 2020). Stand der Daten: siehe Datum je Wert.
Das Amtsgericht München meldete den Antrag am 26. Juni 2020 als eingegangen. Es bestellte einen Sachverständigen, also einen Gutachter. Laut Wirecard eröffnete das Gericht das Verfahren am 25. August 2020.
Zum 24. August 2020 schied Wirecard aus dem DAX aus. Der Indexanbieter STOXX hatte seine Regeln geändert: Laut STOXX verlassen Unternehmen im Insolvenzverfahren den DAX seit der Regeländerung vom August 2020. Laut STOXX (19. August 2020) lag der Börsenwert Mitte Juni 2020 bei 13 Milliarden Euro und im August bei 163 Millionen Euro. Vergangene Kursverläufe sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Was sagt ein Testat aus, und was nicht?
Ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk besagt nach § 322 HGB: Die Prüfung führte zu keinen Einwendungen. Die Jahresrechnung entspricht den gesetzlichen Vorschriften und vermittelt ein Bild, das den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen soll. Das Gesetz kennt auch eingeschränkte Vermerke und zwei Formen der Versagung.
Bei Wirecard ging es um Guthaben bei Dritten, die als Vermögen bilanziert waren. Laut Wirecard (18. Juni 2020) hatte der Prüfer EY dafür noch keine ausreichenden Nachweise. Es gebe zudem Hinweise, dass dem Prüfer unrichtige Saldenbestätigungen (Bestätigungen über Kontostände) vorgelegt worden sein könnten. Das ist ein Zwischenstand laut Wirecard, kein Endergebnis. Ohne geprüfte Jahresrechnung drohte die Kündigung von Krediten. Ein Testat hat also Folgen für Finanzierung und Vertrauen.
Ein Testat fasst eine Prüfung zusammen. Es ist keine Garantie, dass die Guthaben existieren.
Was tat die Aufsicht?
Die BaFin erliess am 18. Februar 2019 eine Allgemeinverfügung (behördliche Anordnung, die für alle Betroffenen gilt). Sie verbot für zwei Monate, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Wirecard-Aktien aufzubauen oder zu vergrössern. Das sind Wetten auf fallende Kurse. Ausgenommen war das Market-Making, also das Anbieten von Kaufs- und Verkaufspreisen, damit ein Handel zustande kommt.
Die BaFin begründete das mit stark gestiegenen Positionen seit Anfang Februar 2019. Sie befürchtete starke Kursausschläge und einen Vertrauensverlust im Markt. Die Verfügung betraf nur Wirecard. Aufsicht kann also in den Markt eingreifen, ohne Aussagen über die Bilanz zu machen.
Was wirft die Anklage vor?
Die Staatsanwaltschaft München I erhob am 10. März 2022 Anklage. Sie richtet sich gegen den früheren Vorstandschef, den früheren Leiter der Buchhaltung und einen früheren Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft.
Laut Anklage stellten die Konzernabschlüsse (Jahresrechnungen des gesamten Konzerns) 2015 bis 2018 Erlöse unrichtig dar. Die zugehörigen Guthaben hätten nicht existiert. Hinzu kommen laut Anklage drei weitere Vorwürfe: Marktmanipulation in 26 Fällen (unzulässige Beeinflussung von Börsenkursen), Untreue in sechs Fällen (Schädigung von anvertrautem Vermögen) und gewerbsmässiger Bandenbetrug in sechs Fällen (Betrug, der wiederholt und im Zusammenschluss mehrerer begangen wurde). Banken hätten Kredite von rund 1,7 Milliarden Euro ausgezahlt und Schuldverschreibungen (Anleihen) von rund 1,4 Milliarden Euro gezeichnet.
Die Staatsanwaltschaft betont, der Tatverdacht sei vor Gericht noch zu beweisen. Der frühere Vorstandschef bestreitet laut LTO (23. Juli 2026) alle Vorwürfe. Laut dpa (8. Oktober 2026) lehnte das Landgericht München I am 285. Verhandlungstag einen Antrag der Verteidigung auf Aussetzung ab. Die Schlussvorträge (Plädoyers) strebt es für November 2026 an. Ein Urteil gibt es nicht. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Was änderte sich nach dem Wirecard Skandal?
Der Bundestag setzte einen Untersuchungsausschuss ein, dessen Bericht er am 25. Juni 2021 zur Kenntnis nahm. Das Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) beschloss der Bundestag am 20. Mai 2021. Laut Bundesrat gilt es seit dem 1. Juli 2021 (Stand: 8. Oktober 2026).
Laut Bundestag (20. Mai 2021) bündelt das Gesetz die Bilanzkontrolle bei der BaFin. Laut Bundestag wechseln Unternehmen mit börsengehandelten Wertpapieren ihre Prüfgesellschaft nach zehn Jahren. Laut Bundestag werden Prüfung und Beratung stärker getrennt, und die Haftung der Prüfer wird strenger.
Was lehrt der Fall Anlegende?
Aus dem Ablauf lassen sich Zusammenhänge ablesen, keine Rezepte.
- Im Fall Wirecard ging es um Bestätigungen durch Dritte. Laut Wirecard (18. Juni 2020) fehlten dem Prüfer als Zwischenstand noch ausreichende Nachweise für Guthaben bei Treuhändern.
- Eine Indexzugehörigkeit folgt Regeln. Im Fall Wirecard zeigt sich: Das Ausscheiden aus dem DAX folgte einer Regeländerung des Indexanbieters STOXX zu Unternehmen im Insolvenzverfahren.
- Aufsichtsmassnahmen und Prüfungsergebnisse sind verschiedene Dinge. Das Verbot von 2019 galt dem Handel mit der Aktie.
- Eine einzelne Aktie trägt ein Klumpenrisiko. Das ist das Risiko, dass ein Grossteil des Vermögens an einem einzigen Wert hängt. Wie sich Risiken auf mehrere Anlagen verteilen, erklärt der Artikel zur Diversifikation.
Zahlenbeispiel (Illustration)
Ein erfundenes Depot (Konto für Wertpapiere) hat CHF 100'000. Im ersten Fall stecken CHF 10'000 in einer Aktie, im zweiten CHF 50'000. Die Aktie verliert 98 Prozent. Die 98 Prozent sind frei gewählt und keine Wirecard-Zahl. Im ersten Fall sinkt das Depot um CHF 9'800 auf CHF 90'200. Im zweiten sinkt es um CHF 49'000 auf CHF 51'000. Die Zahlen sind erfunden und keine Prognose.
Welche Risiken bleiben bei Einzelaktien?
- Totalverlust: Bei einer Insolvenz kann eine Aktie fast alles verlieren. Laut BGH-Pressemitteilung (13. November 2025) stehen Ansprüche von Aktionären hinter denen einfacher Gläubiger. Laut BGH-Pressemitteilung (13. November 2025) meldeten rund 50'000 Aktionäre Forderungen von rund 8,5 Milliarden Euro an. Alle angemeldeten Forderungen betrugen rund 15,4 Milliarden Euro. Die Insolvenzmasse, also das Vermögen zur Verteilung, lag bei rund 650 Millionen Euro.
- Konzentration: Wer viel in einen Wert steckt, trägt dessen Schicksal mit.
- Grenzen von Testat und Aufsicht: Laut Wirecard (18. Juni 2020) hatte der Prüfer als Zwischenstand noch keine ausreichenden Nachweise für Guthaben bei Dritten.
- Abhängigkeit vom Unternehmen: Auch bei den Lehman-Zertifikaten 2008 hing ein Versprechen vom Zustand einer Firma ab.
- Laufendes Verfahren: Ein erstinstanzliches Urteil wäre nicht rechtskräftig.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine, historische Darstellung. Er ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Die Lage im Einzelfall kann abweichen. Stand: 8. Oktober 2026.
Fazit
Der Wirecard Skandal zeigt, wie rasch sich Angaben eines Unternehmens ändern können: Im Juni 2020 meldete das Unternehmen binnen einer Woche, dass die Jahresrechnung später kommt, dass Guthaben von 1,9 Milliarden Euro wohl nicht existieren und dass es Insolvenz beantragt. Im Fall Wirecard betraf das Verbot von 2019 den Handel mit der Aktie, und das Ausscheiden aus dem DAX folgte einer Regeländerung von STOXX. Eine einzelne Aktie kann stark an Wert verlieren. Das Strafverfahren läuft, und bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Fragen & Antworten
Häufige Fragen rund um dieses Thema, kurz beantwortet.
Was ist ein Testat, und was sagt es aus?
Ein Testat ist die schriftliche Zusammenfassung des Prüfungsergebnisses durch den Abschlussprüfer. In Deutschland heisst es rechtlich Bestätigungsvermerk ([§ 322 HGB](https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__322.html)). Ein uneingeschränkter Vermerk besagt, dass die Prüfung zu keinen Einwendungen führte.
Was war das Leerverkaufsverbot gegen Wirecard 2019?
Die BaFin verbot am 18. Februar 2019 für zwei Monate, neue Netto-Leerverkaufspositionen (Wetten auf fallende Kurse) in Wirecard-Aktien aufzubauen oder zu vergrössern. Als Grund nannte sie die Gefahr starker Kursausschläge und eines Vertrauensverlusts im Markt.
Wer hat bei der Wirecard-Insolvenz Geld verloren?
Betroffen sind unter anderem Aktionäre und Gläubiger. Laut BGH-Pressemitteilung (13. November 2025) stehen Schadensersatzansprüche von Aktionären im Insolvenzverfahren hinter den Forderungen einfacher Gläubiger. Die Lage im Einzelfall kann abweichen.
Wurde im Wirecard-Prozess schon ein Urteil gesprochen?
Nein, Stand 8. Oktober 2026 gibt es kein Urteil und keinen Urteilstermin. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Plädoyers strebt das Gericht für November 2026 an.
Was änderte sich nach dem Skandal?
[Laut Bundesrat](https://www.bundesrat.de/SharedDocs/beratungsvorgaenge/2021/0401-0500/0425-21.html) gilt das Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) seit dem 1. Juli 2021. Laut Bundestag (20. Mai 2021) bündelt es die Bilanzkontrolle bei der BaFin. Laut Bundestag wechseln Unternehmen mit börsengehandelten Wertpapieren ihre Prüfgesellschaft nach zehn Jahren.
Wichtige Hinweise Information, keine Anlageberatung oder Kaufaufforderung. Anlagen bergen Risiken bis zum Totalverlust; vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator.
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der allgemeinen Information und Bildung. Er stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar und ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.
Die Inhalte berücksichtigen nicht Ihre persönlichen Verhältnisse, Ziele oder Ihre Risikobereitschaft. Lassen Sie sich vor einem Anlageentscheid von einer Fachperson beraten.
Anlagen in Finanzinstrumente sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Die vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Zahlenbeispiele dienen der Veranschaulichung und sind keine Prognose.
Angaben Dritter stammen aus als zuverlässig erachteten Quellen; für ihre Richtigkeit und Vollständigkeit wird keine Gewähr übernommen. Marktdaten beziehen sich auf den angegebenen Datenstand und können sich seither verändert haben.


